Vor 40 Jahren: IBM System /360

Heute vor 40 Jahren kündigte IBM gleichzeitig in 78 Städten auf der ganzen Welt das System /360 an, die laut IBM perfekte Computerfamilie, symbolisiert durch den Vollkreis mit seinen 360 Grad. Mit sechs verschiedenen kompatiblen Modellen vom /360-30 bis /360-75 und über vierzig verschiedenen Peripheriegeräten läutete IBM das Ende der Pionierzeit der EDV ein.

Das System /360 entstand auf Vorschlag einer Arbeitsgruppe "Systems, Programming, Review, Engineering And Development" (SPREAD). SPREAD wurde 1960 beauftragt, die Grundlagen für einen Computer zu entwickeln, der die Industrie umkrempeln sollte. 1961 erschien der bahnbrechende SPREAD-Report. Er empfahl die Ablösung der existierenden IBM-Computer durch eine Produktfamilie mit austauschbarer Peripherie und mit Software, die auf allen Computern der Familie laufen konnte. IBM-Verkäufern, die gewohnt waren, dass jeder IBM-Computer andere Programme, Lochkartenleser usw. brauchte, erschien der Vorschlag als eine "vollkommen idiotische Idee von Akademikern", doch Thomas Watson Jr. stellte sich hinter den Vorschlag.

5 Milliarden Dollar wurden für das größte Entwicklungsprojekt der Industriegeschichte bereitgestellt, am Ende arbeiteten über 50.000 IBM-Mitarbeiter an der Entwicklung und Fertigung des System /360, für das eigene Fabriken etwa in Frankreich und Deutschland errichtet wurden: Mit dem System /360 begann die Fertigung von Computern am Fließband. Weitere Neuerungen waren das Byte, die 8-Bit-Struktur und der Hype: Das kleinste Modell der Familie, die /360-30 war 43-mal schneller als der IBM 650 und verfügte über 66-mal so viel Arbeitsspeicher. Also pries IBM das System mit der Werbung an, dass die CPI (Costs per Instruction) um den Faktor 40 gefallen sei. Tatsächlich kam der kleinste Rechner bei seiner Auslieferung im Jahre 1965 auf eine Monatsmiete von 7000 Dollar, während der IBM 650 im Jahre 1955 3500 Dollar Miete kostete.

Dass das System /360 überhaupt schon 1964 angekündigt und erst über ein Jahr später ausgeliefert wurde, lag daran, dass die kleine Firma Control Data Corporation (CDC) mit einem kleinen Team von 40 Leuten den CDC 6600 entwickelt hatte, der den großen Modellen der Systemfamilie /360 Konkurrenz machen sollte. Die weltweite Ankündigung von IBM sollte CDC Wind aus den Segeln nehmen und brachte Control Data tatsächlich an den Rand des Ruins. CDC verklagte IBM wegen der Ankündigung von Phantom-Computern, konnte den langwierigen Prozess aber erst 1973 mit einem Vergleich abschließen, bei dem IBM 100 Millionen Dollar zahlte. Zu diesem Zeitpunkt hatte das System /360 einen Marktanteil von annähernd 90 Prozent, war das System /370 in der Vorbereitung.

Zur Systemfamilie /360 gehörte unter anderem das Betriebssytem OS /360, an dem zunächst 150 Programmierer arbeiteten. Es erschien völlig verspätet im Jahre 1967 und sprengte das ursprüngliche Budget um den Faktor 4: Es kostete 50 Millionen Dollar. Eine Codezeile von OS /360 war somit 225 Dollar "wert", berichtete Fred Brooks, der Manager des Projekts auf der Bonner Konferenz der Software-Pioniere. Das Betriebssystem soll konstant 1000 Fehler gehabt haben: für 1000 beseitigte Fehler kamen mit jeder Release 1000 neue Fehler hinzu, schrieb einmal der Qualitätsmanager Ed Boehm.

20 Jahre nach der offiziellen Ankündigung war das System /360 dabei, in Vergessenheit zu geraten. Von den Schwierigkeiten, im Jahre 1982 eine /360-30 wieder in Betrieb zu nehmen, handelt ein Vortrag auf dem 5. Vintage Computer Festival, das am 1. und 2. Mai in München stattfindet. Auf einer Exkursion gibt es die Möglichkeit, den letzten Spross der unglücklichen CDC 6600 in Aktion zu erleben, die keine Chance gegen den perfekten Computer hatte. Die Geschichte der Sieger wird hier geschrieben. (Detlef Borchers) / (jk/c't)

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